Prolog zu einer längeren Widmung

Man sagt, die Jugend sei die Zeit, in der man glaubt, alles sein und alles werden zu können. Wir haben uns getroffen, weil wir wussten, dass dem nicht so ist.
Ich meine, klar, wir hatten Spaß, wir haben gelacht, am Anfang des Monats gabs teuren Rum und am Ende des Monats billiges Dosenbier – und irgendwie hat die Welt ein Stück uns gehört, weil wir zu denen gehörten, die noch nicht resigniert haben.
Vieles hat sich in den letzten Jahren geändert. Wir schlagen uns nicht mehr jedes Wochenende die Nächte mit schlechtem Bier und noch schlechterer Musik in schlechten Clubs um die Ohren. Wir sind auch nicht mehr so leicht zu beeindrucken. Wir haben mehr und gleichzeitig weniger Angst als früher – aber eines hat sich nicht geändert: Wir haben noch immer nicht resigniert.

Außenwerbung

DONNERSTAG, 5. MAI 2011

Stopp, bitte bleib doch noch einen Moment.
Deine Zweidimensionaliät, keine 30cm entfernt von meinem Gesicht fing mich ein – der laszive Blick, gedruckt auf Plastik, das sich dreht, verschwindet, wieder auftaucht nach etwa 12 Sekunden.
Ich vermisse dich, perfekte Lippen, dünne Storchenärmchen, eine Stupsnase. Du verleitest mich.
Nein, nicht zum Wunsch nach „Perfektion“, den dein Retuscheur dir, mir, allen vorgaukelt.

Du verleitest mich zu dem Wunsch, aus blassen, „hübschen“ Hüllen Schönheiten zu machen. Dich zu füttern, das Schnabulieren dir schmackhaft zu machen.
Werde schön.
Werde mehrdimensional.

Inspiriert den Protesten in Italien 2011

Aletta, Aletta!

Ich frag euch, was passiert dort in Italien – Genua, Monza, Turin? Ich frag euch, wisst ihr, dass dort alle langsam den Bach runtergeh‘n?
Nach Berlusconi kam Monti, und was ist dann geschehen? Ich sag’s euch, viele haben sich erschossen, setzten sich in Brand, die Suizidwelle rollte – haben ihr Blut wie Tränen vergossen, sind in den Tod gerannt, Berlusconi, Monti, haben jede Tür verschlossen. Sie haben die Welle losgetreten, und sie rollte, rollte, überrollte das ganze Land.

Ein alter Mann auf der Straße, die Augen leer, er isst sein Brot, er spricht zu mir. Er sagt: „Weißt du, Mädchen, wer einen vollen Magen hat, zu fressen, Kleidung, Wasser, Licht, wer einen vollen Magen hat, der glaubt denen mit leeren Mägen nicht.“

Leere Mägen, leere Töpfe, leere Mägen, leere Köpfe – die Wut der Menschen klopft im Takt – an die Türen des Parlaments und sagt „Bitte, danke für nichts, ihr könnt jetzt gehen, wir übernehmen das hier – ihr könnt jetzt gehen, wenn ihr endlich verschwindet, bleibt das WIR! Meine Damen und Herren, ihre Arbeit ist beendet, meine Damen und Herren – ab ins Gefängnis!“

Aletta, Aletta, die Italiener sind keine zahnlosen Tiger, ein Mädchen in einer besetzten Schule steht auf und sagt nun endlich, was sie stört, sie sagt: „Ich will ja keine Gewalt, aber mit friedlichen Mitteln hat uns noch nie jemand zugehört.“
Italien hat genug vom Krisen-Massaker – Italien kämpft weiter, wacker – die Zukunft der Jugend längst zerstört und wenn ich sage, sie gießen mit Benzin, dann habt ihr euch nicht verhört- es fließt über ihre Glieder. Verzweiflung brennt wie Reisig, sie schließen ihre Lider – die Herrschenden bleiben eisig.

Leere Mägen, leere Töpfe, leere Mägen, leere Köpfe – die Wut der Menschen klopft im Takt.

Doch auch Italien ist ein Fighter, kürzt ihr uns weg, stürzen wir weiter euer System, sägen an der Leiter. Mit unseren Mitstreitern erobern wir unsere Ländern zurück. Wir nehmen, was uns gehört, Stück für Stück.

Leere Mägen, leere Töpfe, leere Mägen, leere Köpfe – die Wut der Menschen.
Leere Mägen, leere Töpfe, leere Mägen, leere Köpfe – die Wut.
Leere Mägen, leere Töpfe, leere Mägen, leere Köpfe.
Leere Mägen.

Ich habe gehört, ihr wollt nichts lernen.

Universität Definition: [1] eine in Fakultäten gegliederte, höchste wissenschaftliche Bildungsstätte, Lehranstalt und Forschungseinrichtung, an der auf vielen verschiedenen (universellen) Wissenschaftsgebieten gelehrt und geforscht wird.
(nach dict.md)

Wenn man sich fragt, wie es so steht um das deutsche Hochschul-Parasitentum, reicht es völlig, sich in eines der mau gesäten Germanistik-Wochenendseminare zu setzen. Freitag bis Sonntag, 10-18 Uhr geballte Stumpfsinnigkeit von angehenden Akademikern, die Herz und Hirn im Stechschritt hinter sich her zerren, obwohl das meiste davon bereits auf dem Weg über den ‚Campus’ (lat.: das Feld, wie wahr, was für Bauern – und hier geht es nicht um den arbeitenden Landwirt oder die Schachfigur!) an irgendeinem Kaffeeautomaten kleben geblieben ist.

An diesen Wochenenden werden dann abstruse Diskussionen auf Meta-Ebene geführt, über das Frauenbild der heutigen Gesellschaft („Das hat sich ja echt zum Positiven gewandelt, ich meine, die Männer bleiben ja jetzt auch oft zu Hause und kümmern sich um das Kind“) und andere obskure Ansichten vom Zaun gebrochen von Deutsch-Auf-Alles-Studenten , die das uns zur Verfügung stehende Kulturgut mit penetranter Schein-Wissenschaftlichkeit zertrampeln, um sich im daraus entstandenen Brei bis zur Ejakulation zu suhlen. Ein jeder unserer großen Schriftsteller muss bei dieser Beobachtung das Bedürfnis verspüren, die in den Sarg geschlagenen Nägel mit eigener Hand wieder herauszuziehen. Vielleicht nicht, um Sinn und Verstand zu verbreiten, mindestens aber, um ihnen die eigenen Werke aus der Hand zu schlagen.

Der Dozent, ein fitter Kopf um die 60, der ‚studieren’ noch nach der Wortherkunft (lat. : studere: (nach etwas) streben, sich (um etwas) bemühen) betrieben und somit lernen und lehren gelernt hat und dies noch immer lebt, steht wie ein verlassener Prediger neben dem Pult, gewollt nicht dahinter, schaut in sein Frontalpublikum und zetert: „Der Bachelor-Studiengang ist verfehlt, er ist gewollt und fährt ein funktionierendes System gegen die Wand. Da hat sich die Bertelsmann-Gruppe eingemischt, zu Unrecht. Und später werden sie alle schreien.“
Einige nicken, einige schreiben fleißig mit, obwohl sie doch nichts verstehen („Bis wann kann man die Hausarbeit bei Ihnen einreichen? Wo ist die Anwesenheitsliste?“) und am Ende versinkt doch wieder jeder in seiner Isolation.
Gebrochen sieht man nur den zu bemitleidenden Lehrenden, der wehleidig dabei zuschaut, wie die Axt des Verfalls eine weitere Kerbe in den Baum der Vernunft geschlagen hat.

Dabei hat der gute Mann weiträumig zu großen Teilen doch so recht.
Funktioniert hat das System ‚Bildung‘ zwar auch vorher schon nicht, aber mit Bertelsmanns Hilfe ist es noch schlimmer geworden. Und gewollt war es auf jeden Fall.
Alle sind sie 1999 sofort dem Ruf von Bologna gefolgt – einer völkerrechtlich nicht einmal bindenden Erklärung von 29 europäischen Schreibtischtätern, gefolgt wie die Ratten der Flöte – und nun läuft das deutsche Bildungssystem wie der Rattenfänger selbst in die Weser, den Rhein, die Elbe…der „Schlüssel zur Förderung der Mobilität und arbeitsmarktbezogenen Qualifizierung“ (Bologna-Erklärung) passt nicht mal in die Tür der nächsten Nachbar-Uni und auch der restliche Brei des schwammigen acht Seiten langen Dokuments ist nicht mehr als ein Haufen Widerkäuer-Phrasen.

Die oben stehende Definition des Begriffs ‚Universität’ verfehlt zumindest in einigen Teilen nicht den Kern der heutigen Auslegung. Zu einer Anstalt ist das Unternehmen UNIVERSITÄT zwar nicht erst seit der Bachelor – Master – Epidemie verkommen, aber dennoch treibt diese Hopplahopp-Reform mit ihrer Peitsche regelmäßige Runden über Deutschlands Universitäten, die Studenten damit in die Knie, höhlt auch noch die letzten Ideale von Bildung mit Geldscheinen aus – und produziert in Akkordzeit Abfall-, ja Wegwerfprodukte namens BA-Absolventen für den Markt: hirntote, Buchstaben-Tango tanzende Vollidioten, die zu keinem eigenen Gedanken fähig sind (es hat ja auch niemals jemand das Denken von ihnen verlangt).

Mit der Praktik der Ellenbogen und ihrem pietätlosen Über-Leichen-Gehen (danke für die vielen herausgerissenen Buchseiten in der Bibliothek, damit sie niemand Anderes mehr lesen kann) handeln die lieben Studierenden brav im Sinne der Stiftungen und Konzerne, die, wie es Jochen Krautz, Verfasser des FAZ-Artikels vom 29.09.2011 wahrhaftig auf den Punkt bringt, “Universitäten dadurch zu halbstaatlichen Unternehmen, kontrolliert von Wirtschaftsvertretern in einem Aufsichtsrat“ zerfasern lassen. Solche aus Wirtschaftsinteressen geborene Institutionen und Maßnahmen wie eben die Bologna Erklärung oder auch die OECD (verantwortlich für den Pisa-Quatsch) und CHE (Centrum für Hochschulentwicklung, entwickelt von Bertelsmann, um ihre Widersacher ruhig zu stellen) agieren ohne eine demokratische Legitimation und erwirken einen Druck auf die deutschen Hochschulen, der immens ist. Ganz offen formuliert die Stiftung in „Die Kunst des Reformierens – Konzeptionelle Überlegungen zu einer erfolgreichen Regierungsstrategie“ , dass man „“eine Regierung im Zweifelsfall auch gegen den empirischen und kontingenten Volkswillen durchsetzen“ (S.39) muss. So scharfzüngig ist da auch nicht der Begriff der „epistemischen Säuberung“ in der Kölner Erklärung von 2009, verfasst von (prekär beschäftigten) Lehrenden der Universität zu Köln.

Wenn also nun die Blutsauger von Karrieristen in der Uni beißend umeinander herum scharwenzeln, gilt es, nicht die Bedingungen zu vergessen, die sie mit in diesen Zustand der Hässlichkeit und des Unvermögens versetzt haben. Studenten sind nicht immer per se hirnlos und es sind auch nicht die Lehrenden die Bösen, wenn sie Studenten aus überfüllten Seminaren schmeißen müssen. Bildung ist zu einer Ware verkommen und ihre Institutionen dienen mittlerweile hervorragend den Profitinteressen der Monopole. Diese spielen ein ganz unglaublich hinterlistiges Puppenspiel und lassen die Rektorate an ihren Schnüren in Reizwäsche für sie tanzen.

Ein fabelhaftes Beispiel für die gnadenlose Profitgier im Hochschulbereich ist die so genannte Exzellenzinitiative. Da kommt die deutsche Forschungsgemeinschaft an, wedelt mit dem Versprechen auf einen Elitetitel und die Uni Köln, in persona Rektor Axel Freimuth, macht Männchen. Der Kniff an der ganzen Sache mit dem Elitetitel und der damit verbundenen Förderung der angehenden „Weltspitze“: Die Uni geht in Vorkasse. Millionen und Millionen werden schon VOR der Eliteförderung an allen Ecken und Enden weg gekürzt, damit die Uni, marode und auch in der Lehre hinterher hinkend, überhaupt von einer Jury besucht wird.

Die Einzigen, die bei der ganzen Elite-Rechnung wieder einmal leer ausgehen, das sind die Studierenden. Die Förderung kommt der Forschung zugute – nicht der Lehre. Und während wir zusehen, wie es in unsere Gebäude rein regnet, die Lampen von den Decken fallen, immer mehr Lehrende entlassen, Seminare gestrichen werden und wir von Fachbereichsschließungen bedroht sind, werden von dem gekürzten Geld Appartments in New York gemietet (siehe: Nachdruck 1/2012, AStA-Zeitung der Uni Köln), um dort die Elite-Professoren zu gewinnen.
Das ist nämlich nötig, wenn die eigene Lehre vor Ort so scheiße ist, dass gar keine gute Forschung daraus werden kann.

In solchen Zeiten stoßen Hochschulgrüppchen wie der nach rechts (mehr als nur) undichte RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) auf offene Ohren mit simplen Forderungen, die das Studenten- und Arbeitsleben der ausgebeuteten Halbblinden scheinbar leichter machen sollen („Mehr Steckdosen in der Uni!“, „Ausbau des Fahrplans der Linie 142!“), während sie sich nebenbei zufällig unseren Bundesverteidigungsminister einladen, der erzählt, warum wir trotzdem noch alle in die Bundeswehr müssen.

Ins Bockshorn jagen lassen darf man sich davon trotzdem nicht. Klar ist es schön, wenn die Buslinie 142 in Köln öfters fahren würde. Sicher find ich Steckdosen für meinen Laptop auch geil.
Lieber ist mir aber eine Uni, in der nicht für das Militär geforscht wird und die sich zu einer Zivilklausel selbst verpflichtet, lieber ist mir eine Uni, die trotz des Faktes, dass sie eine Massen-Uni ist, die Lehre vor den Profit stellt, lieber ist mir eine Uni, an der Studierende nicht zu hirnlosen, auf Konkurrenz getrimmten Zombie-Kaninchen verarbeitet werden.

Ich will eine Uni,…

…die für ausschließlich friedliche Zwecke forscht.
…die Burschenschaften und andere Faschos aus ihren Hochschulgruppen ausschließt.
…die Lehre vor Profit stellt und auf Exzellenzinitiativen scheißt.
…die sich nicht weg kürzen lässt.
…in der Studenten nicht bis aufs Blut miteinander konkurrieren müssen.

Vom Himmel fallen diese Veränderungen nicht, auch nicht der Ausbau des Busplans der Linie 142. Das Meckern und Klagen alleine bringt nichts, genauso wenig wie dieser Artikel. Die Studiengebühren haben sich auch nicht von alleine abgeschafft (die SPD alleine war’s aber übrigens auch nicht), dafür waren Menschen auf den Straßen. Und das ist gut so. Wir, diese Menschen auf den Straßen haben dafür gesorgt, dass Bildungspolitik ganz oben auf die Tagesordnung MUSSTE, vor allem im Zuge der damals schnell heran nahenden Landtagswahlen. Und noch immer haben die Schüler- und Studentenproteste Nachwirkung: „Schulfrieden erreicht!“ ruft die SPD auf ihren Plakaten zur Landtagswahl am 13. Mai 2012. Clever, wenn man Angst hat, dass jetzt, kurz bevor die Doppeljahrgänge an die Unis kommen und die ersten schwerwiegenden Folgen von G8 (Abitur nach 8 Jahren) und dem Bachelor-Master System sichtbar werden, die Jugend kurz vor den Landtagswahlen wieder aufbegehren könnte. Und da sage uns noch mal einer, die Bildungsstreiks hätten nichts bewirkt.
Aber auch, wenn gerade keine Bildungsstreiks stattfinden oder Hörsäle besetzt sind: Für die eigenen Rechte kann man trotzdem eintreten. Der erste Schritt könnte zum Beispiel sein, beim nächsten Mal nach dem ersten Kaffee zur AStA-Wahl zu gehen. Dabei kann man sich dann auch einmal selbst fragen, was man denn so von seinem Studium und der „Anstalt“ Universität erwartet.

Das letzte Wort hat Brecht.

Bertolt Brecht:Ich habe gehört, ihr wollt nichts lernen
Ich habe gehört, ihr wollt nichts lernen
Daraus entnehme ich: ihr seid Millionäre.
Eure Zukunft ist gesichert – sie liegt
Vor euch im Licht. Eure Eltern
Haben dafür gesorgt, daß eure Füße
An keinen Stein stoßen. Da mußt du
Nichts lernen. So wie du bist
Kannst du bleiben.

Sollte es dann noch Schwierigkeiten geben,
Da doch die Zeiten
Wie ich gehört habe, unsicher sind
Hast du deine Führer, die dir genau sagen
Was du zu machen hast, damit es euch gut geht.
Sie haben nachgelesen bei denen
Welche die Wahrheiten wissen
Die für alle Zeiten Gültigkeit haben
Und die Rezepte, die immer helfen.

Wo so viele für dich sind
Brauchst du keinen Finger zu rühren.
Freilich, wenn es anders wäre
Müßtest du lernen.